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Schweiz

Weinland Schweiz

Ein Land mit grosser Vielfalt auf kleinstem Raum

Die Schweiz ist, gemessen an ihrer Rebfläche, ein Zwerg unter den Weinnationen – und doch gehört sie zu den spannendsten Weinländern Europas. Auf gerade einmal rund 14'700 Hektar Rebfläche wachsen über 250 verschiedene Traubensorten, verteilt auf sechs Weinregionen mit völlig unterschiedlichem Klima, Terroir und regionalen Traditionen. Um den Schweizer Wein zu verstehen, muss man diese Vielfalt begreifen: Sie ist kein Zufall, sondern das Ergebnis von Jahrhunderten alpiner Weinbautradition, kleinräumiger Terroirs und Weinbauern, die immer das lokale Erbe gepflegt und sich nie auf wenige internationale Sorten beschränkt haben. Während Länder wie Frankreich, Italien oder Spanien mit riesigen, oft homogenen Anbauflächen und global vermarkteten Leitsorten auftreten, funktioniert die Schweiz nach einem gegenteiligen Prinzip: kleinste Parzellen, extreme Höhenunterschiede und eine Topografie, die auf engstem Raum unzählige Mikroklimata erzeugt. Von Chiasso auf einer Höhe von rund 240 Meter, über das UNESCO-Weltkulturerbe Gebiet Lavaux auf rund 400 Metern bis zu Rebbergen auf über 1'100 Metern in Visperterminen liegt eine Bandbreite an Bedingungen, für die sich anderswo ganze Länder Zeit lassen. Diese geografische Zersplitterung, kombiniert mit der sprachlichen und kulturellen Vielfalt des Landes – Deutschschweiz, Romandie und Tessin bringen jeweils eigene Weinbautraditionen mit –, hat über Jahrhunderte eine Weinlandschaft entstehen lassen, die sich jeder Vereinheitlichung widersetzt. Hinzu kommt, dass der Grossteil der Schweizer Weinproduktion traditionell im Inland konsumiert wird: Nur ein kleiner Bruchteil von etwas einem Prozent überschreitet die Landesgrenze, was den Winzern erlaubt hat, sich auf Qualität, Eigenständigkeit und lokale Sortenvielfalt zu konzentrieren, statt sich internationalen Geschmackstrends anzupassen. Das Ergebnis ist ein Weinland, das im Ausland oft unterschätzt wird, jedoch mit einer Vielfalt und Qualität auf Augenhöhe mit den grossen Weinnationen punktet.

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Eine Sortenvielfalt ohne Vergleich


Kaum ein anderes Land dieser Grösse kann eine derart bunte Rebsortenpalette vorweisen. Neben den international bekannten Sorten wie Pinot Noir, Merlot, Chardonnay und Gamay pflegen Schweizer Winzer eine beeindruckende Zahl autochthoner, also einheimischer Rebsorten, die es so nirgendwo sonst auf der Welt gibt. Der Chasselas – auch Fendant oder in Markgräflerland Gutedel genannt – ist die meistangebaute weisse Sorte des Landes und gilt vielen als der ehrlichste Ausdruck von Terroir überhaupt: Er selbst schmeckt fein, subtil, zeigt einen wunderschönen Terroir-Ausdruck und gewinnt mit Reife an Komplexität und Charakter, den man ihm in der Jugend kaum zutrauen würde.

Bei den weissen Raritäten stechen Sorten wie Completer, Himbertscha, Lafnetscha, Räuschling oder Amigne hervor, die teilweise nur auf wenigen Hektaren weltweit kultiviert werden. Bei den roten Sorten besticht der Cornalin, eine alte Walliser Sorte, ebenso wie Humagne Rouge oder die im Tessin dominierende Merlot-Tradition, die dort seit 1906 eine eigene Handschrift entwickelt hat. Diese Sortenvielfalt ist auch eine Antwort auf die extreme geografische Fragmentierung der Schweiz: Fast jedes Tal, jeder Hang, jede Höhenlage bringt ein eigenes Mikroklima hervor – und für viele dieser Nischen hat sich über Generationen die passende Sorte herauskristallisiert.

Weinkarte Schweiz

GRAUBÜNDEN: Pinot Noir im Alpenlicht

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GR Einzeln

Die Bündner Herrschaft, das östlichste der grossen Schweizer Weinbaugebiete, ist untrennbar mit dem Pinot Noir verbunden. Die Region rund um die Dörfer Fläsch, Maienfeld, Jenins und Malans zählt zu den renommiertesten Pinot-Noir-Lagen der Schweiz. Das Klima ist geprägt vom Föhn, jenem warmen, trockenen Fallwind, der die Trauben auch in dieser nördlichen, alpinen Lage zuverlässig ausreifen lässt. Kalkhaltige Böden und die kühlen Nächte im Herbst sorgen für Weine mit feiner Frucht, lebendiger Säure und beachtlichem Reifepotenzial.

Aber Graubünden ist mehr als nur Pinot Noir. Nebst dem roten Burgunder fühlt sich auch der Chardonnay sehr wohl in der Bündner Herrschaft und bringt alpine, mineralische Weissweine im Geiste der grossen Burgunder hervor.

TESSIN: Merlots Zweite Heimat

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Südlich der Alpen, im italienischsprachigen Tessin, hat sich der Merlot zu einer Art önologischer Nationalidentität entwickelt. Eingeführt wurde die Sorte erst nach der Reblauskatastrophe Ende des 19. Jahrhunderts als Ersatz für die autochthonen amerikanischen Hybridreben – und sie fand im mediterran geprägten Klima des Tessins ideale Bedingungen vor. Heute wächst der Merlot auf rund 80 Prozent der Tessiner Rebfläche, sowohl im Sotto- als auch im Sopraceneri, an den Bergflanken und in der Ebene. Die Bandbreite der daraus entstehenden Weine ist enorm: von leichten, fruchtbetonten Alltagsweinen bis zu barriquegereiften Spitzengewächsen, die durchaus mit renommierten internationalen Vertretern mithalten können.

Interessant ist auch die Entwicklung sogenannter "Merlot Bianco"-Weine, weiss gekelterte Merlot-Trauben, die im Tessin eine eigene Stilrichtung geprägt haben. Die Region profitiert zudem von ihrer Lage zwischen Alpen und Seen – Lago Maggiore und Lago di Lugano wirken als Wärmespeicher und mildern das Klima zusätzlich, was dem Tessin einen fast schon südländischen Charakter verleiht, der sich deutlich vom Rest der Schweiz unterscheidet.

TI Einzeln

WALLIS: Das grösste Weinbaugebiet der Schweiz

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VS Einzeln

Das Wallis ist mit Abstand die produktivste und sortenreichste Weinregion des Landes. Im trockenen, sonnenreichen Rhonetal, geschützt von den umliegenden Alpenketten, gedeihen über 50 verschiedene Rebsorten – mehr als irgendwo sonst in der Schweiz. Die Steillagen entlang der Rhone, oft auf Terrassen angelegt, zählen zu den anspruchsvollsten Anbauflächen Europas: Handarbeit ist hier keine Option, sondern Notwendigkeit.

Neben Chasselas als traditioneller Basissorte hat sich das Wallis vor allem durch seine autochthonen Spezialitäten einen Namen gemacht. Petite Arvine, eine aromatische, salzig-mineralische Weissweinsorte, gilt vielen als die Königin der Walliser Weine. Heida, im Hochgebirgsdorf Visperterminen auf bis zu 1'150 Metern angebaut, beansprucht den Titel des höchstgelegenen Weinbergs Europas. Bei den Rotweinen dominieren Cornalin, Humagne Rouge und zunehmend auch Syrah, der am Oberlauf der Rhône und vor den berühmten französischen Hochburgen Hermitage oder St. Joseph, für Furore sorgt. Die Kombination aus alpiner Trockenheit, intensiver Sonneneinstrahlung und mineralischen Böden aus Glimmerschiefer und Gneis macht das Wallis zu einem Terroir-Labor von aussergewöhnlicher Diversität.

LAVAUX: Das Welterbe am Genfersee

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Kaum eine Weinregion der Schweiz ist so fotogen wie das Lavaux. Die terrassierten Weinberge zwischen Lausanne und Montreux, die sich in steilen Stufen zum Genfersee hinunterziehen, wurden 2007 von der UNESCO zum Weltkulturerbe ernannt – und das zu Recht. Über Jahrhunderte, vermutlich seit dem Mittelalter unter der Ägide der Zisterziensermönche, wurden hier Trockenmauern errichtet, die heute ein Landschaftsbild von einzigartiger Harmonie schaffen.

Wie in der ganzen Westschweiz dominiert der Chasselas auch im Lavaux, und nirgendwo zeigt er sein Terroir-Potenzial deutlicher als hier. Die Kombination aus drei Wärmequellen – der direkten Sonneneinstrahlung, der Reflexion des Sonnenlichts auf der Wasseroberfläche des Genfersees und der gespeicherten Wärme, die die Trockenmauern nachts wieder abgeben – schafft ein einzigartiges Mikroklima. Innerhalb des Lavaux unterscheidet man verschiedene Appellationen wie Dézaley Grand Cru und Calamin Grand Cru, die als die prestigeträchtigsten Lagen gelten und Weine von bemerkenswerter Komplexität und Mineralität hervorbringen. Dabei zeigt es sich, dass die besten Abfüllungen Jahrzehnte überdauern und dabei an Komplexität und Charme gewinnen.

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Vielfalt statt Masse – Terroir statt Uniformität

Was diese vier Schweizer Weinregionen eint, ist nicht Uniformität, sondern das Gegenteil: eine Weinkultur, die kleinräumiges Denken zelebriert und lokalen Traditionen Raum zur Entfaltung gibt. Während grosse Weinnationen oft auf Skalierbarkeit und wenige Leitsorten setzen, hat sich die Schweiz für den umgekehrten Weg entschieden – für Vielfalt statt Masse, für Terroir statt Uniformität. Genau das macht Schweizer Wein, trotz seiner geringen internationalen Bekanntheit, zu einem der interessantesten Entdeckungsfelder für alle, die abseits ausgetretener Pfade auf Genussreise gehen wollen.

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