Frankreich
Die jahrhundertelange Historie von Bordeaux
Dank der guten Handelsbeziehung zur englischen Krone wurden die Stadt und Bürger wohlhabend und konnten ihre Châteaux und Rebflächen strategisch weiterentwickeln. Im Jahre 1214 wurden die Exportzölle (schon damals ein angewandtes Mittel zur Marktsteuerung) auf Wein durch König Johann abgeschafft, wodurch sich das Geschäft weiter entwickeln konnte und Bordeaux zum wichtigsten Weinhafen der damaligen Zeit wurde. In den nächsten Jahrhunderten profitierten die Bordelaiser Weine von ihrem hervorragenden Ruf und konnten ihre Vormachtstellung weiter ausbauen. Dies auch dank gesetzlicher Vorteile, welche die angesehenen Winzerfamilien verhandeln konnten und die sie gegenüber weniger renommierten Regionen bevorteilten. Im Jahre 1787 bereiste der spätere amerikanische Präsident Thomas Jefferson Bordeaux und verfasste einen Tagebucheintrag zu seinen Eindrücken. Besonders begeistert war er unter anderem von Lafite, Margaux, Latour, Haut-Brion und Yquem.
Ein bis heute relevantes Ereignis war das offizielle, staatlich abgesegnete Klassement der Bordeaux-Châteaux aus dem Jahre 1855. Dieses wurde 1855 anlässlich der Weltausstellung etabliert und klassifizierte 88 Güter des Haut-Médoc und Sauternes sowie aus den Graves in Ränge ein, die vom 1. bis zum 5. Cru Classé reichen. Die Klassifizierung erfolgte aufgrund von früheren Rangierungen und damals erzielten Marktpreisen der Weine und ist noch heute bekannt.
In den nächsten Jahrzehnten entwickelte sich der Weinbau stetig weiter, neue Bewirtschaftungsformen und Rebschnitte wurden erforscht und das Geschäft konnte sich entwickeln. Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Reblaus auch nach Bordeaux, und wenig später in zahlreiche weitere europäische Weinbaugebiete, eingeschleppt und verursachte grosse Verwüstung.
Mitte des 20. Jahrhunderts verursachte ein Frost grosse Schäden am rechten Ufer der Gironde (St. Emilion, Pomerol). Als Ersatz für die zerstörten Reben wurde vielerorts Merlot nachgepflanzt, wodurch diese Sorte zur dominanten der ganzen Region wurde und ihren ersten Platz bis heute innehat.
Einen positiven Impuls, der viel Dynamik in den Markt brachte und Bordeaux erneut zuoberst auf die Weinkarten setzte, waren die Lobeshymnen von Robert Parker auf den Jahrgang 1982. Dieser wurde als Jahrhundertjahrgang gefeiert und löste einen Weinboom aus, der die Preise und Euphorie grenzenlos steigern liess und viele Weingeniesser begeisterte. Mit den Jahrgängen 1989, 1995, 2000, 2009, 2010, 2016, 2022 folgten weitere grossartige Jahrgänge, die preislich neue Höhen erreichten und die Grand Crus in die obersten Preissphären katapultierten.
Gespräche mit unseren Partnern in Bordeaux zeigen zwei divergierende Meinungen zum The Bordeaux MICHELIN Guide Selection. Einmal wird die Aktualität und heutige Begehrlichkeiten der Weine am Markt mit der neuen Klassifikation abgebildet. Höchst angesehene Châteaux wie Léoville-las-Cases, Châteaux Montrose, die im Klassement von 1855 nicht als Premier Grand Cru eingestuft wurden, erhalten die verdiente Anerkennung. Auf der anderen Seite behalten die Premier Crus ihren Nimbus und ihre Renommée als Premier Crus. Die Begehrlichkeit leitet sich aus der jahrzehntelangen Qualität und dem Prestige ab, dass diese Weine verströmen. Dies wird kurzfristig nicht durch eine neue Bewertung hinterfragt. Dennoch bietet die Michelin-Bewertung Chancen und kann gerade jungen Weintrinkern eine Orientierung im Bordeaux Weinfirmament bieten.
Seit der Mitte der 2010er-Jahre rückte der Rebbau und die Weiterentwicklung der Weinbergs Technik in den Fokus. Erste Weingüter setzten auf biologische Bewirtschaftung, der Einfluss der Begrünung und Biodiversität wurde erforscht und zum Einsatz gebracht, der Anteil von Weisswein, Rosé und Schaumwein stieg und eine neue Generation von Winzerinnen und Winzern setzte jugendliche, moderne Impulse in der Vermarktung. Die historischen Châteaux öffneten ihre Tore und entwickelten Weintourismus und Kulinarik am Ort der Produktion.
Im Jahre 2026 enthüllte der Guide Michelin in der Cité du Vin in Bordeaux eine aktuelle Klassifikation der Bordeaux-Châteaux. Das Vorgehen orientiert sich an der bekannten Restaurant-Bewertung mit den drei Sternen und den Hotels mit den drei Schlüsseln und hat für die Châteaux ein Trauben-Emblem lanciert. Bewertet wurden die Châteaux nach der Qualität ihrer Weine, der praktizierten Weinbaumethoden sowie auch der weintouristischen Möglichkeiten auf den Châteaux. Ein Vergleich mit der berühmten Klassifizierung von 1855 lässt sich nur schwerlich ziehen. Der Guide Michelin hat Weingüter aus dem ganzen Anbaugebiet Bordeaux eingeschlossen, das Klassement von 1855 fokussierte sich auf das Médoc. In der ersten Bewertung wurden 83 Châteaux klassifiziert, 9 Güter mit drei Trauben, 16 Güter mit zwei Trauben und 37 Betriebe mit einer Traube. In einer Region mit über tausend Weingütern ist die Auswahl von 83 Châteaux ein anspruchsvolles Unterfangen, bei welchem ein grosser Wettbewerb herrscht.
https://guide.michelin.com/gb/en/article/wine/the-michelin-guide-s-bordeaux-wine-selection